Blau ist eine warme Farbe

Filmposter Blau ist eine warme Farbe

7/10

Originaltitel: La vie d’Adèle – chapitres 1&2
FR | 2013 | 180 Min. | FSK: ab 16
Drama, Liebesfilm, Coming-of-Age, Comicadaption
Regie: Abdellatif Kechiche
Drehbuch: Abdellatif Kechiche, Ghalia Lacroix
Besetzung: Adèle Exarchopoulos, Léa Seydoux u.a.
Kinostart: 19.12.13
DVD/Blu-Ray VÖ: 09.05.14

Links zum Film:
IMDb | Wikipedia | film zeit
Bilder © Alamode Film

Worum geht’s?

Adèle lässt sich von ihren Freundinnen ermutigen, mit einem älteren Jungen aus der Schule auszugehen. Dabei spürt sie, dass ihr irgendetwas fehlt. Schließlich entdeckt sie ihre Zuneigung zu anderen Frauen und verliebt sich in die blauhaarige Künstlerin Emma. Bei Emma findet Adèle zu sich selbst, doch die Beziehung birgt mit der Zeit auch Probleme.

Wie ist der Film?

Der fünfte Film des tunesisch-französischen Regisseurs Abdellatif Kechiche war in der Festivalsaison 2013 der Liebling der Filmkritik, bekam schließlich von Jurypräsident Steven Spielberg in Cannes den Hauptpreis – die Goldene Palme – verliehen, erstmals nicht nur für den Film selbst, sondern auch explizit für die beiden herausragenden Hauptdarstellerinnen – und dennoch lässt sich sagen, dass weniger mehr gewesen wäre. Kein Zweifel: Adèle Exarchopoulos als Adèle und Léa Seydoux als Emma harmonieren exzellent miteinander und geben alles. Das sieht man, denn der Kamera bleibt keine Gesichtsregung verborgen. Die beiden Frauen sind natürlich schön, mal kindlich, mal sinnlich. Doch Form und Erzählweise pflegen einen etwas übermütigen Umgang mit ihnen.

Szenenbild Blau ist eine warme Farbe„Blau ist eine warme Farbe“, eine lose Adaption der gleichnamigen Graphic Novel von 2010, bemüht sich, immer ganz nah dran und realistisch zu sein. Und tatsächlich: So nah wie Adèle – physisch wie auch psychisch – ist man einer Hauptfigur im Film selten. Die Protagonistinnen werden von der Kamera regelrecht abgetastet, wie es die Blicke einer Verliebten tun, damit wir ganz in ihre Gedankenwelt eintauchen. Die Gespräche und Bewegungen wirken ungekünstelt, sodass sie an das wahre Leben erinnern. Nur wenn die Kamera feiert, wie Adèle sich partout nicht die Tomatensoße oder den Rotz aus dem Gesicht wischen will, weil sie ja so selbstvergessen ist, dann ist das ein etwas befremdlicher Hyperrealismus.

Dreh- und Angelpunkt sind natürlich die vieldiskutierten Sexszenen, die durchaus an der Pornografie entlangschrammen. Es stellt sich die Frage, ob sie in ihrer minutenlangen Ausführlichkeit gerechtfertigt sind. Zunächst ist der detaillierte Sex insofern gerechtfertigt als der Film auch sonst nichts auslässt. Während der dreistündigen Laufzeit gibt es quasi die vollständige Chronik von der (Neu-)Entdeckung der eigenen Sexualität bis zur ersten dauerhaften Beziehung zu erfahren; wir leben an Adèles Seite. Ab einem gewissen Punkt jedoch arbeitet Kechiche mit Zeitsprüngen. Dabei geht der Zauber des Films ein Stück weit verloren, und im Folgenden kippt auch der zelebrierte Sex ins Selbstzweckhafte.

Mit ihrem stets leicht geöffneten Mund und den Rehaugen ist Adèle Exarchopoulos die perfekte Besetzung für die blutjunge Schülerin, die die große Liebe entdeckt und dabei langsam erwachsen wird. Doch „Blau ist eine warme Farbe“ will die Geschichte auch einige Jahre später weitererzählen, mitten im Berufsleben, mit dem gleichen Gesicht. Trotz Trickserei mit Kleidung und Frisur ist der Wandel nicht glaubwürdig, zu jugendlich ist und bleibt die Ausstrahlung der zum Zeitpunkt des Drehs 19-jährigen Hauptdarstellerin. Ihre Partnerin Léa Seydoux (Jahrgang ´85) als Emma mag ein wenig vielseitiger einsetzbar sein, doch das ändert nichts daran, dass „Blau ist eine warme Farbe“ nach einem intensiven ersten Abschnitt zu hoch hinaus will, um durchgehend zu fesseln.

Eigentlich spielt es keine Rolle, ob es hier um Frauen, Männer oder Mann und Frau geht, weil „Blau ist eine warme Farbe“ ja im Kern von allgemeingültigen Liebesdingen erzählt. Nur bei zwei Männern hätte wieder ein größerer Teil des Publikums die Nase gerümpft und für eine Hetero-Geschichte wäre sicherlich zu wenig Knistern übrig geblieben. So hat es schon seine massentaugliche Richtigkeit, dass es sich um zwei nett anzusehende Damen handelt. Was nicht heißen soll, dass „Blau ist eine warme Farbe“ oberflächlich ist. Das Drama erzählt in drei selten langweiligen Stunden eine sehr einfühlsame, wahrhaftig anmutende Beziehungsgeschichte.

Schade ist nur, dass Kechiche nebenbei sein Lieblingsthema Klassenunterschiede durchexorziert, hier damit aber mehr oder weniger ins Leere läuft und die Handlung epische Züge annehmen lässt, nur um letztlich doch sehr ernüchternd zu schließen. Der Originaltitel des Films verweist auf zwei Kapitel, die hier erzählt werden – das zweite ist etwas überambitioniert (Stichwort: Fummeln im Café), das erste hingegen bezaubernd, es hätte nur noch ein eigenes Ende gebraucht.

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