Chungking Express

DVD-Cover Chunking Express

7.5/10

Originaltitel: Chung hing sam lam
HK | 1994 | ca. 98 Min. | FSK: ab 12
Liebesfilm, Komödie, Drama
Regie: Wong Kar-Wai
Drehbuch: Wong Kar-Wai
Besetzung: Brigitte Lin, Tony Leung Chiu Wai, Faye Wong u.a.
Kinostart: 28.03.96
DVD/Blu-Ray VÖ: 21.06.05

Links zum Film:
IMDb | Wikipedia | Studiocanal
Bilder © STUDIOCANAL

Worum geht’s?

Durch die Straßen Hongkongs irrt Polizist #223, auf der Suche nach Verbrechern und Verflossenen nachtrauernd. Einen Monat will er warten, ob seine Ex zurück kommt, bevor er beschließt, sich in die nächste Frau zu verlieben, die ihm begegnet. Es handelt sich um eine geheimnisvolle Drogendealerin. An seinem Stammimbiss verkehrt auch Polizist #663, der ebenfalls gerade am Ende einer Beziehung steht. Die seit neuestem im Imbiss arbeitende Fay hat ein Auge auf #633 geworfen, wovon dieser zunächst gar nichts mitbekommt, bis er ihr Geheimnis lüftet.

Wie ist der Film?

Von Anfang an stand „Chungking Express“ unter dem Stern der Leichtfüßigkeit, und das obwohl der Film tiefschürfende Themen wie Sehnsucht nach Liebe und Freiheit sowie verkorkste Kommunikation bedient. Denn Regisseur und Autor Wong Kar-Wai drehte ‚mal eben‘ in einer Schnitt-Pause seines Vorgängerwerks, nach einem Drehbuch, das erst nach dem Dreh wirklich feststand, mit einem visuellen Stil, der zu jeder Zeit Bewegung vermittelt. Spontan wie er ist, beschloss er am Ende der Produktionsphase, den letzten seiner drei geplanten Mann-trifft-Frau-Handlungsteile in einen separaten Film zu packen, so geschehen im Nachfolger „Fallen Angels“. Zwei Geschichten also erzählt „Chungking Express“ – ‚Chungking‘ bezeichnet die Chungking Manson, ein multikulturell bewohntes Gebäudekomplex in Hong Kong, und ‚Express‘ ist angelehnt an den nachts geöffneten Schnellimbiss, der als Schnittpunkt der beiden Handlungen dient.

Szenenbild Chungking ExpressAuf eigensinnige und im ersten Moment verwirrende Weise lässt der Film seine tragikomische, mysteriös-kriminelle Handlung nach einer Weile fallen und beginnt am selben Ort eine neue, ähnliche, hellere. Beide Teile sind Fragmente, ergeben zusammen jedoch ein ganzes Bild eines Ortes, an dem es keine Helden gibt, die Menschen anonym und austauschbar sind, orientierungslos umherirren und sich sehnen. Sehnsucht nach ‚draußen‘ und nach Bereitschaft. Bereit sein für die Vergänglichkeit, das Ende, Neuanfänge, einfach die Veränderung, die überall, unausweichlich in der Luft liegt. Das alles erzählt Wong Kar-Wai, ganz locker im Gewand der Liebeskomödie, in erster Linie mit seinen Bildern, geprägt von natürlichem Licht, harten Schnitten und unheimlich dynamischer, aber nie zu hastiger Kamera. Die Inszenierung lässt einen die eingeengten Figuren von außen beobachten, dann aber auch gleich wieder mittendrin im Geschehen sein.

Von Hongkong selbst ist kaum etwas zu sehen. Es kommt nicht darauf an, wo genau die Charaktere sind, sondern wo sie nicht sind: in Freiheit, ausgebrochen aus ihrem Leben, im Ziel, ihrem persönlichen Kalifornien – im Land der unbegrenzten Möglichkeiten, wovon der berühmte Soundtrack-Beitrag „California Dreamin‘“ erzählt, im Film unglaublich oft angespielt und trotzdem immer noch nicht enervierend, sondern immer wieder passend, wie auch der Rest der sehr bunten Songauswahl, die die Erzählung führt. Bei alledem kommt kein wirklicher Spannungsbogen zustande, aber auch keine wirkliche Langeweile, dank der gegebenen Empathie und dem Charme der Figuren. Über ein paar kleine Durchhänger gilt es hinwegzusehen, dafür gibt es bei wiederholtem Ansehen immer mehr Details zu entdecken.

Tony Leung Chiu Wai („Hard Boiled“) und Takeshi Kaneshiro geben beide auf ihre Art gelungene Sympathieträger, während sich auf der weiblichen Ensembleseite ein interessanter Kontrast auftut: Brigitte Lin, die bebrillte Dame mit der Perücke, hatte sich schon früh zur mitunter gefragtesten Schauspielerin Chinas gemausert, ist somit quasi über Kritik erhaben und absolviert hier cool, vom Regisseur bewusst etwas verkleidet, ihre letzte Rolle, bevor sie sich als frisch gebackene Ehefrau aus dem Geschäft zurück zog. Faye Wong hingegen ist eigentlich eine in China sehr berühmte Sängerin und zeigt in „Chungking Express“ mit Kurzhaarfrisur ihr Schauspieldebüt. Drahtig und mädchenhaft mimt sie eine Unsicherheit, die einfach zauberhaft ist.

Hätte Quentin Tarantino im Zuge der Veröffentlichung seines „Pulp Fiction“ diesen andersartigen Liebesfilm nicht an einem Festival entdeckt und begeistert beworben, wäre sicherlich ein weitaus kleinerer Teil der westlichen Welt in den Genuss gekommen. Doch es lohnt sich. „Chungking Express“ präsentiert einen sehr aufgeweckten Inszenierungsstil, merklich beeinflusst von Nouvelle-Vague-Filmen wie „Außer Atem“, allerdings zielsicherer, und erzählt mit gutem Humor von Beziehungen und ihren Verfallsdaten. Es ist im Grunde ein sehr romantischer und sehr melancholischer Film, aber dennoch ganz ohne Kitsch, Schwere und Rührseligkeit. Das sieht man gern, wenn sich die erste Verwirrung gelegt hat.

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