Dunkirk

Filmposter Dunkirk

6/10

Originaltitel: Dunkirk
GB, USA, FR, NL | 2017 | 107 Min. | FSK: ab 12
Kriegsfilm, Action, Drama
Regie: Christopher Nolan
Drehbuch: Christopher Nolan
Besetzung: Fionn Whitehead, Tom Glynn-Carney, Kenneth Branagh, Cillian Murphy, Tom Hardy, Mark Rylance u.a.
Kinostart: 27.07.17
DVD/Blu-Ray VÖ: 14.12.17

Links zum Film:
IMDb | Wikipedia

Worum geht’s?

1940 an der französischen Nordküste: Die Schlacht um Dünkirchen tobt. Englischen Soldaten wurden vom deutschen Feind eingekesselt und warten auf ein Wunder. Kampfpilot Farrier verteidigt seine Männer in der Luft, in dem er feindliche Flugzeuge abschießt. Unterdessen fährt ein Zivilist, der seinen Sohn im Krieg verlor, mit seinem privaten Boot los, um möglichst viele Soldaten zu retten.

Wie ist der Film?

Christopher Nolan scheinen die Ideen auszugehen – wer will es ihm verübeln? Nach brillanten Experimenten wie „Inception“ und „Interstellar“ behält er zwar seine kraftvolle Bildsprache, fährt alle anderen filmischen Aspekte jedoch zurück. „Dunkirk“ lässt sich als loses Remake des gleichnamigen Films von 1958 betrachten und schildert Kriegsgeschehen nach wahren Begebenheiten, sogar in unter zwei Stunden. Einige von Nolans Lieblingsstars und Stammcrewmitglieder sind auch wieder dabei und sorgen für ein paar intensive Momente. Doch im Vergleich mit den Vorgängerwerken, die der Regisseur und Autor kredenzte, ist „Dunkirk“ nur ein Snack für Zwischendurch.

Majestätisch eingefangene Landschaften und unzählige Komparsen verschleiern die dünne Handlung, in die das Publikum hineingeworfen wird – ein bisschen als sei man zu lange auf der Toilette gewesen und hätte die Exposition verpasst. Eine Bindung zu den Hauptfiguren zu entwickeln ist schwer, denn die Handlung lässt nur wenig Dialog zu und konzentriert sich auf das grimmige Ambiente. Die einfachen Soldaten sind optisch ohnehin kaum zu unterscheiden, Tom Hardy („The Dark Knight Rises“) versteckt sich wieder hinter einer Maske und auch die restliche Besetzung erhält kaum Möglichkeiten, schauspielerisch herauszustechen. Auf die Bilder und Klänge kommt es an.

Kamerachef Hoyte van Hoytema filmt die Schlachtfelder zu Wasser, an Land und in der Luft beeindruckend opulent, mit eleganten, mitreißenden Bewegungen. Dass ein Großteil im aufwändigen IMAX-Format gedreht wurde, verleiht „Dunkirk“ buchstäblich mehr Größe – auch wenn das im Heimkino letzten Endes nur einen ständigen Wechsel zwischen 16:9 und 2.35:1 bedeutet. Hans Zimmer untermalt die Bilder mit einer Variation seines üblichen düsteren Klangteppichs. Platt wie effektiv lehnt sich die Musik an menschliche Herzschläge an und benutzt das Ticken einer Uhr, um das mit der Zeit ermüdende Setting am Laufen zu halten.

Dass „Dunkirk“ drei Handlungsstränge ineinander verwebt dürfte Nolan-Fans auch nur noch ein Achselzucken entlocken, da wäre die radikale Abkehr von der nichtlinearen Erzählweise vielleicht sogar die aufregendere Idee gewesen. Spannung erzeugt die Geschichte leider nur mit der immer gleichen Last-Minute-Rescue-Technik. Alles in allem ist „Dunkirk“ ein bildgewaltiger, stellenweise packender, aber seltsam kühler Kriegsfilm, der für Nolan-Verhältnisse wie eine Fingerübung wirkt.

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2 Kommentare

  1. Leider kann ich der Rezension in vielen Punkten nicht zustimmen. Eines vorneweg, es ist ein untypischer Nolan-Film geworden, das stimmt, aber wie ich finde, in einem durchaus positiven Sinne. Endlich hat er sich abgewandt von pseudophilosophischen Filmen wie „Inception“ und „Memento“, die – ja sehr gute – vorrangig auf dem philosophischen Niveau eines 1.-Semester Seminars waren und dem popkulturell interessierten Philosophiestudenten eine Chance gaben, sich mit gutem Gewissen einen Abend unterhalten zu lassen.
    „Dunkirk“ ist hingegen herrlich unprätentiös, zumindest die ersten 3/4 des Films, doch dazu später mehr. Es ist ein Kriegsfilm ohne Krieg geworden, man sieht keine Schlachten, allenfalls einige Luftkämpfe. Was der Film hervorragend darstellt ist die visuelle Abwesenheit eines Feindes, man hört den Feind, man sieht seine Kugeln, man weiß, wo er ist, man sieht sogar die Bomber, aber nie kommt es zu Feindkontakt. Die am Strand eingeschlossenen Soldaten kämpfen gegen die Zeit und gegen die Langeweile. Dass man sich dabei mit keinem der Soldaten richtig identifizieren kann, ist goldwert: Es macht deutlich, dass es nicht um den einzelnen Menschen geht, so eine Situation muss entindividualisierend wirken, es geht um die Masse Mensch – genau so betrachtet „der Krieg“ seit Jahrhunderten seine Opfer, als Masse, nicht als einzelne Menschen. Die Spannung, die in diesem entindividualisierten Warten liegt, macht diesen Film groß. Ebenso die visuellen Effekte und die Geräusche – die Flugaufnahmen sind insbesondere im Kino atemberaubend.
    Negativ fällt auf, dass der Film nicht ganz ohne Pathos auskommt, man kann Nolan das „Pride and Glory“-Gehabe, dem er sich für 90min entzieht, um ihm dann doch noch 20min zu verfallen, ein bisschen übel nehmen – am Ende ist er eben doch stolzer Brite.
    Letztlich ein aber ein ungewöhnlicher und gerade deswegen guter Kriegsfilm, der zeigt wie weit entfernt man inzwischen vom Schlachten- und Heldenbombast eines „Saving Private Ryan“ ist – Gott sei Dank!
    Nolan hat gesagt, er habe 20 Jahre lang Filme wie „Inception“ unddie Batman-Reihe drehen müssen, um diesen Film, seinen Herzensfilm, machen zu können. Zum Glück durfte er ihn noch machen, aber die Milionen, die er mit den anderen verdient hat, taten bestimmt auch nicht weh.

    • Danke für diesen ausführlichen Kommentar und die inspirierenden Sichtweisen! Dass es sich um Nolans Herzensfilm handelt, war mir nicht bekannt, und das kam für mich beim Anschauen auch leider nicht rüber.

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