Halt auf freier Strecke

Filmposter Halt auf freier Strecke

8/10

Originaltitel: Halt auf freier Strecke
DE | 2011 | 110 Min. | FSK: ab 6
Drama
Regie: Andreas Dresen
Drehbuch: Andreas Dresen, Cooky Ziesche
Besetzung: Milan Peschel, Steffi Kühnert, Ursula Werner u.a.
Kinostart: 17.11.11
DVD/Blu-Ray VÖ: 24.08.12

Links zum Film:
IMDb | Wikipedia | film zeit
Bilder © Pandora Film

Worum geht’s?

Gerade hatten sich die Langes mit dem Umzug in ein kleines Reihenhaus am Berliner Stadtrand einen Traum erfüllt. Da fällt der 44jährige Vater Frank beim Arzt aus allen Wolken, als ihm eröffnet wird, dass er an Krebs in Form eines bösartigen Gehirntumors leidet und nur noch wenige Monate zu leben hat. Während sich Franks Zustand immer weiter verschlechtert, versuchen Ehefrau Simone, Tochter Lilli und Sohn Mika ihn zu unterstützen und mit dem Schicksalsschlag umzugehen.

Wie ist der Film?

Andreas Dresen versteht es einfach wie kaum ein zweiter Regisseur, das Deutschland der Gegenwart mit der Kamera einzufangen. Und wieder hat er ein stets aktuelles Thema durchleuchtet, das bisher mehr oder weniger umgangen wurde. Andere Filme nehmen das Bewusstsein des baldigen Todes als Vorwand für romantische Abenteuer, Begleichungen alter Rechnungen und philosophische Ergüsse. Dresen dagegen inszeniert ohne Nebenhandlungen den Sterbeprozess an sich, am Beispiel einer ganz normalen Familie. Das Herz und die Ehrlichkeit in dieser Arbeit sind deutlich zu spüren.

Szenenbild Halt auf freier StreckeDie Sozialstudie „Sommer vorm Balkon“ (2005) ist stets von einer gewissen Skurrilität durchzogen, „Wolke 9“ (2008) driftet leicht ins Melodramatische und „Whisky mit Wodka“ (2009) versteht sich zu einem Großteil als Metapher. Gegen diese Vorgängerwerke Dresens ist „Halt auf freier Strecke“ das reinste, wahrhaftigste und rundeste. Keine Minute zu früh setzt die Handlung ein, keine Minute zu spät wird sie beendet, und auch dazwischen treffen Dresen und sein Team immer den richtigen Ton zwischen behutsamem Humor und großer Tragik. So sensibel gelingt das wahrlich nicht oft.

Der unterbrechende Anruf in der Einleitungssequenz war echt; Dresen musste das Film-Haus kaufen, da ein unverhoffter anderer Käufer die Dreharbeiten sonst ruiniert hätte. Details wie diese tragen dazu bei, wie beeindruckend real und bewegend „Halt auf freier Strecke“ daherkommt. Das ist natürlich nicht zuletzt Dresens spannender Arbeitsweise zu verdanken. Ausgebildete Profis in den Hauptrollen treffen auf Laien, die sich selbst spielen, und alle unterstützen sich bei reichlich Improvisation gegenseitig in einem beinahe dokumentarischen Setting. Fast gänzliches Aussparen von Musik und eine ruhende, schnörkellose Bildgestaltung sorgen dafür, dass sich die ganze Wirkung des Films in anteilnehmender Stille entfalten kann.

Gelegentliche Kniffe wie die iPhone-Spielereien des Protagonisten oder die surreale Personifizierung des Tumors sind zunächst leicht befremdliche Brüche des stringenten Konzepts, erweisen sich aber schnell als willkommene Hilfsmittel beziehungsweise Auflockerungen in der auf den Punkt gebrachten Thematik, die ansonsten wahrscheinlich zu schwer zu ertragen geworden wäre. „Halt auf freier Strecke“ ist nicht nur ein glänzend gespielter Film über das Sterben, mit allem, was dazu gehört, ohne sich jemals vom Wesentlichen zu entfernen, immer aufrichtig statt rührselig, und gerade deshalb umso ergreifender. Er schafft es als Schluss des Kreises auch noch, fast wie nebenbei zu vermitteln, dass das Leben weitergeht.

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Wolke 9

1 Kommentar

  1. So sieht es aus! Für mich ist „Halt auf freier Strecke“ der beste Film des Jahres 2011, weil er sich dem Thema „Krebs“ auf ungemein sensible Weise annimmt. Nie verharmlost er, nie wird er zum Todesporno.

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