Nosferatu, eine Symphonie des Grauens

Filmposter Nosferatu, eine Symphonie des Grauens

7/10

Originaltitel: Nosferatu, eine Symphonie des Grauens
DE | 1922 | ca. 98 Min. | FSK: ab 12
Stummfilm, Horror
Regie: Friedrich Wilhelm Murnau
Drehbuch: Henrik Galeen
Besetzung: Max Schreck, Alexander Granach, Gustav von Wangenheim, Greta Schröder, Max Nemetz u.a.
Kinostart: 05.03.22
DVD/Blu-Ray VÖ: 08.10.07

Links zum Film:
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Worum geht’s?

Hutter, der junge Mitarbeiter eines Maklers, lässt seine besorge Frau Ellen in der Hafenstadt Wisborg zurück und reist im Zuge eines Auftrags zu dem in den Kaparten lebenden Graf Orlok, um eine Immobilie in Wisborg vorzustellen. Bei einem Zwischenstopp in einem Gasthaus wird der junge Mann vor dem unheimlichen Grafen gewarnt, setzt seine Reise jedoch fort.

Wie ist der Film?

In Form dieser nicht autorisierten, sehr freien Verfilmung von Bram Stokers 1897 erschienenen Roman „Dracula“ begründete Friedrich Wilhelm Murnau seinen Ruf als einer der wichtigsten deutschen Regisseure, welcher sich kurz darauf mit „Der letzte Mann“ noch steigerte und schließlich mit „Sonnenaufgang – Lied von zwei Menschen“ einen glorreichen Hollywood-Einzug feierte. „Nosferatu, eine Symphonie des Grauens“ lässt sich als erster (erhaltener) Vampirfilm, wenn nicht sogar als erster Horrorfilm überhaupt bezeichnen. So immens, wie sein Einfluss auf unzählige spätere Werke und das Genre allgemein war – bei dem Film handelt es sich um ein Low-Budget-Projekt, das per Gerichtsbeschluss fast unwiederbringlich vernichtet worden wäre, da sich die Witwe Stokers gar nicht erfreut über die unbefugte Adaption zeigte.

„Nosferatu“ ist dem Expressionismus zuzuordnen; allerdings nicht mit verzerrten, surrealen Kulissen wie das berühmteste Gegenbeispiel „Das Cabinet des Dr. Caligari“, sondern lediglich mit überzogenen schauspielerischen Gesten und Symbolen aus der Natur, in Originalschauplätzen. Murnau verlegt die Romanhandlung weitestgehend nach Deutschland und reduziert die Personen auf ein Minimum. Dafür gibt er sich ausführlich seinem Hang zur Romantik hin, stark inspiriert von der Malerei. So zelebriert er das Motiv der Sehnsucht, gerade bei der einsam zurückgelassenen Ellen, und setzt den düsteren Grafen durch zahlreiche stimmig eingeschobene Landschaftsaufnahmen immer wieder in den Kontext der Natur.

Mit seinem animalischen Aussehen und natürlichen Trieben wird Orlok Teil vom Lauf des Lebens, wie bei tierischen Nahrungsketten, und damit unausweichliches Schicksal. Gleichzeitig zeichnet sich der Vampir aber auch durch unwirkliche Bewegungen und übernatürliche Eigenschaften aus. So entzieht er sich dem Greifbaren, lässt sich nicht einordnen und wird zum Objekt der Angst. Ein Sinnbild für die kollektiven Ängste einer vom Ersten Weltkrieg erschütterten Nation. Da ist auch kein Van Helsing, der, wie im Roman, zur Rettung eilt – das Verderben überrollt die Menschen fassungslos.

Murnaus Inszenierungsstil ist hervorragend. Jede Einstellung sitzt, der Schnitt ist für damalige Verhältnisse flott und elegant, ein hohes Maß an Kreativität äußert sich in jeder Szene. Selbst die Erzählweise durch die Zwischentitel ist gewitzt: Berichtet wird aus Sicht eines anonymen Chronisten, der niederschrieb, was er gehört hatte; ergänzt wird neben den Dialogen durch einen Zeitungsausschnitt, ein Tagebuch, Romanauszüge oder Briefe. Nur die Spezialeffekte sind von schwankender Qualität. Eine Doppelbelichtung für eine geisterhafte Erscheinung hier und ein Zeitraffer da erzielen die gewünschte Wirkung; ein Negativbild für einen ‚weißen Wald‘ und diverse Stopptricks für sich von alleine bewegende Gegenstände sind wenig authentisch und überflüssige Spielereien, selbst für damals. Murnau ist eben kein Méliès.

Auch wenn Graf Orlock mit Sarg unterm Arm völlig offensichtlich über die Schatten der Mittagssonne stiefelt, obwohl die blaue Tonung frech suggeriert, es sei eine Nachtszene, geht der Bann ein Stück weit verloren. Dass „Nosferatu“ eine kleine, schnelle Produktion war, lässt sich eben nie ganz vergessen. Kleine Lücken und Ungereimtheiten in der Handlung werden akzeptabel durch eine ‚Traumlogik‘ entschuldigt; das unerreicht schaurige Antlitz des damals unbekannten Hauptdarstellers Max Schreck und sein faszinierendes, erhabenes Spiel lassen kleine inszenatorische Schnitzer weitgehend verzeihen. Gerne vergessen wird Häusermakler Knock, der wie auch immer mit Orlok in Verbindung steht, ebenfalls recht eindringlich und unheimlich gespielt von Alexander Granach.

Bei all der Symbolik verliert Murnau fast die Konzentration auf die Handlung. Werner Herzog gelang es in seiner Neuverfilmung rund 55 Jahre später, die Tragik der titelgebenden Figur einfühlsamer und zugänglicher herauszuarbeiten – mithilfe des gesprochenen Wortes. „Nosferatu, eine Symphonie des Grauens“ aber bebildert auf bemerkenswerte Weise eine herannahende Bedrohung unter wachsender Panik, die durch mysteriöse geistige Verbindungen zwischen den Figuren getragen wird und so eine recht einzigartig beklemmende Wirkung erzielt.

Wirklich furchteinflößend ist das heute nur noch sehr bedingt. Die sorgfältige Originalmusik von Hans Erdmann kümmert sich auch lieber um die Verteilung anspruchsvoller Leitmotive als um schauriges Dröhnen. Doch hat man die in ihrer vordergründigen Schlichtheit zunächst schräge und somit teils anstrengende Schauermär erst einmal ein bisschen entwirrt und entschlüsselt, lässt sie sich gut verarbeiten und schätzen.

Diese Kritik bezieht sich auf die DVD-Version von Transit Film, mit der 2005/2006 restaurierten Fassung, die dem einstigen Original wohl am nächsten kommt.

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