Serien-Spezial: American Horror Story

AHS

6.5/10

Originaltitel: American Horror Story
USA | seit 2011 | ca. 43 Min. | FSK: ab 16 / 18
Horror, Thriller, Drama
Idee: Ryan Murphy, Brad Falchuk
Drehbuch: diverse
Besetzung: Dylan McDermott, Jessica Lange, Zachary Quinto u.a.
DVD/Blu-Ray VÖ: 26.07.13, 28.02.14, 26.02.15, 07.04.16

Links zur Serie:
IMDb | Wikipedia
Bilder © 20th Century Fox

Worum geht’s?

Psychiater Ben Harmon, dessen Frau Vivien und Tochter Violet beziehen ein großes, altes Haus, um ein neues Leben zu beginnen. Doch die Geister aller Menschen, die in vergangenen Jahrzehnten dort wohnten und starben, machen der konfliktbeladenen Familie einen Strich durch die Rechnung.

Die 60er. Schwester Jude leitet mit strenger Hand die psychiatrische Anstalt Briarcliff und veranlasst, dass die lesbische, zu neugierige Journalistin Lana Winters dort als Patientin festgehalten wird. Gemeinsam mit anderen Insassen deckt Lana mehr grausige Geheimnisse auf als ihr lieb ist.

Die junge Zoe findet auf schmerzliche Weise heraus, dass sie eine Hexe ist und lernen muss, ihre Kräfte zu kontrollieren. So tritt sie einem uralten Hexenzirkel in New Orleans bei. Dort trifft Zoe auf weitere junge Hexen. Fiona, das gealterte Oberhaupt des Zirkels, will ihre Nachfolgerin töten.

1952. Exil-Berlinerin Elsa Mars betreibt eine ‚Freakshow‘, wo Menschen mit körperlichen Anomalien im Zirkuszelt ein Publikum unterhalten. Als ein mysteriöser Clown in der Nähe mehrere Morde begeht, fällt der Verdacht sofort auf Elsa und ihre Familie der Ausgestoßenen.

Wie ist die Serie?

Der amerikanische Traum vom Neuanfang verwandelt sich in einen Albtraum. Kann eine Fernsehserie genauso gruselig sein wie die Tatsache, dass sie von den „Glee“-Schöpfern stammt? Ja! Der Auftakt von „American Horror Story“ Staffel 1 ist furios: ein klassisches Spukhaus, entstellte Fratzen, musikalische Hitchcock-Zitate, bizarre Erotik und mittendrin ein von Anfang an konfliktbehaftetes Ehepaar mit einer ziemlich coolen Tochter. Die vom US-Qualitätssender FX („Sons of Anarchy“) produzierte und von Fox vertriebene Hochglanzproduktion überrennt das Publikum zunächst mit einer Flut unheimlicher Rätselhaftigkeit, was Genrefans so richtig Blut lecken lässt. Erst ab Folge 3 offenbart sich allmählich, worum genau es überhaupt geht und wer all diese Gestalten, die sich im Haus aufhalten, sind.

Vielfältige und unvorhersehbare Rückblenden enthüllen auf spannende Weise die Geschichte rund um das ‚Murder House‘, den Star der ersten Staffel. Peppige, gekonnt eingesetzte Stilmittel wie etwa die häufigen Jump Cuts bescheren der Serie ein knackiges Tempo und eine stimmungsvolle Atmosphäre. Ebenso schauspielerisch rangiert „American Horror Story“ auf hohem Niveau. Vorzeigegesicht ist Jessica Lange („Tootsie“, „Kap der Angst“, „Broken Flowers“), die für die dankbare Rolle der Wissendsten von allen mehrere der renommiertesten Fernsehpreise gewann. Doch ihr Umfeld steht ihr in kaum etwas nach. Die junge Taissa Farmiga („The Bling Ring“) ist eine vielversprechende Neuentdeckung. Unter den Nebenfiguren gefällt besonders Zachary Quinto („Star Trek“) als Chad Warwick, der in einem schwulen Liebesdrama gefangen ist.

Dank der zahlreichen, auf engem Raum wiederkehrenden Figuren ist in „American Horror Story“ immer etwas los. Allein der Running Gag mit der Haushälterin, die von Männern als sexy Verführerin, von Frauen aber als alte Dame gesehen wird, ist köstlich. Vermeintliche Willkür beim Auftauchen von seltsamen Gestalten weiß die Staffel im weiteren Verlauf stets aufzulösen. Trotz allem geht in der zweiten Hälfte, nachdem Folge 6 noch mit einer intensiven Amoklauf-Einstiegssequenz Aufsehen erregt – die Luft raus. Die spannende Grundidee, die Hauptfiguren im Todeshaus mit ihren Sünden und ihrem Schicksal zu konfrontieren, bleibt eher an der Oberfläche; zu kreuz und quer verlaufen die personalen Verbindungen. So stützt sich die Geschichte schließlich weitgehend auf handwerkliche Raffinesse mit gelungenen Makeup- und Computereffekten. Das sieht immerhin gut aus.

Ein letztes, mit grausigen Enthüllungen gespicktes Aufbäumen in Folge 10, „Smoldering Children“ / „Wer mit dem Feuer spielt“, mündet in ein eher gemäßigtes Finale, bei dem sich ein mehr oder weniger zu nichts führendes Konzept offenbart. „American Horror Story: Murder House“ kann nicht die Ketten durchbrechen, die sich die Staffel mit der Prämisse des verfluchten Hauses selbst auferlegt, sodass man eigentlich nur zusieht, wie sich die Schraube nach unten dreht. Und damit ist die Geschichte dann abgeschlossen.

AHS2Das war ja noch gar nichts. Mit Staffel 2, „American Horror Story: Asylum“, legt die Serie erst richtig los. Bekannte Gesichter sind in völlig neuen Rollen und einer neuen Geschichte zu sehen (ein Quereinstieg ist also kein Problem). Diesmal dient eine psychiatrische Anstalt als Schauplatz. Anders als in „Murder House“ spielt der Großteil der Handlung in der Vergangenheit, genauer gesagt in den 60er Jahren. Nicht nur die Kostüm- und Szenenbild-Abteilung kann sich dabei austoben. Vom Naziterror bis zur Bedrohung aus dem Weltall schmeißt Staffel 2 erstaunlich viele Subgenres in einen Topf – eine wahrlich verrückte Mixtur, die tatsächlich funktioniert, schließlich ist Verrücktheit das zentrale Thema der Staffel.

Erneut auftretende Ensemblemitglieder, die in Staffel 1 nur Nebenfiguren spielten, verkörpern diesmal Hauptrollen – ein schöner, fairer Kniff. Jessica Lange ist abermals die Grande Dame und weiß ihre bisherige Leistung in der Serie durch ein irres Emotionsspektrum sogar zu übertreffen. Als interessantester Neuling erweist sich schnell James Cromwell („L.A. Confidential“). Der diabolische Doktor stellt das Herzstück der Horrorklinik dar.

In „Asylum“ finden auffällig ausgeprägte Charakterentwicklungen statt. Durch zahlreiche Twists wechseln die Sympathien so häufig, dass man sich am Ende gar nicht für Lieblinge entscheiden kann, doch entscheidend ist, wie wunderbar kurzweilig sich Staffel 2 durchgucken lässt, da permanent etwas Aufregendes passiert. Letzten Endes sind die Geschichten aus der Anstalt eine riesige Klischeeansammlung, doch die Stereotypen werden so unterhaltsam jongliert, dass ein durchaus origineller, latent ironischer Genrekommentar dabei herauskommt. Hochglanz-Psychothriller trifft auf Exploitation. Handwerklich ist das alles furios inszeniert, eigentlich schon völlig überinszeniert – wo wir aber wieder beim Thema Verrücktheit wären, passend also.

Weil Staffel 2 auf der Zeitebene, der Raumebene sowie der Beziehungsebene komplexer ist als „Murder House“, wächst auch die Angriffsfläche. „Asylum“ bietet in nahezu allen Belangen schlichtweg mehr, dafür häufen sich gegen Ende aber auch die Ungereimtheiten und Übertreibungen. Zum Glück können Figuren ja mal eben sterben, damit am Ende nicht zu vieles offen bleibt. Dem Finale gelingt es dann gerade so, alle wichtigen Kapitel zu schließen. So pendeln sich die beiden Staffeln irgendwie dann doch auf etwa demselben, hochwertigen Level ein.

DVD-Cover CovenIn der dritten Staffel „Coven“ ist bereits bekannt, wie der Hase läuft. Manche Gesichter kennt man noch aus der ersten Staffel, manche aus der zweiten und einige aus beiden (Jessica Lang ist mal wieder mächtig). Hinzu kommen formidable Neuzugänge wie Kathy Bates („Misery“), Emma Roberts („Scream 4“) und Gabourey Sidibe („Precious – Das Leben ist kostbar“). Auf der männlichen Seite sieht es mau aus, höchstens Danny Huston („X-Men Origins: Wolverine“) als Axtmörder stiehlt den Hexen in manchen Szenen die Show. Unbändige Frauenpower regiert, während die Geschichte sich im Kreis dreht.

Die in der Gegenwart angesiedelte Staffel 3 schießt ein mächtiges Eigentor, indem jede Figur, die stirbt, durch Magie wieder zurückgebracht werden kann. Ein erheblicher Spannungskiller, der obendrein für unschöne Wiederholungen sorgt. Im Handlungsmittelpunkt steht als großer Aufhänger die Frage, wer die nächste Hexen-Anführerin wird, doch angesichts des durchgehend starken Ensembles rückt diese Frage völlig in den Hintergrund. Was bleibt, ist schauspielerischer Hochgenuss, technisch verspielt, mit ein paar brutalen sowie schwarzhumorigen Momenten, jedoch wenig Grusel. Ein glänzendes Plädoyer für starke Frauen und gegen Rassismus, nach wie vor Qualitätsfernsehen, aber merklich schwächer als die beiden Vorgängerstaffeln.

American Horror Story Freak ShowSpätestens mit Staffel 4, „Freak Show“ drängen Seifenopernelemente die Horrorelemente ins Abseits. Es gibt schockierende Szenen, doch die Gruselatmosphäre bleibt (weiterhin) aus. Während die Freakshow-Mitglieder sofort als ‚normale‘ Menschen am Rande der Gesellschaft eingeordnet werden, verkörpert nur eine Figur – der stumme Clown – Horror-Archetypen und kommt schließlich nicht über den Aufhänger-Status hinaus. Kleinen Trost spenden die fantastischen Kostüme und Kulissen – „Freak Show“ ist bis dato die Staffel mit der eindrucksvollsten Ausstattung.

Die Stars der Staffel verteilen sich erstaunlich gleich wie zuvor in „Coven“. Jessica Lange dominiert einmal mehr als arrogante, labile Anführerin. Besonders hervorgehoben gehört Sarah Paulson für ihre immens aufwendige Darstellung siamesischer Zwillinge. Die junge Taissa Farmiga fehlt, doch stattdessen brilliert Neuzugang Finn Wittrock als gestriegelter Psychopath. Schade: Weil außerdem noch zahlreiche Besetzungsmitglieder mit echten Körperanomalien hinzustoßen, gerät die Charakterentwicklung oft sprunghaft. Es gibt schlichtweg zu viele Figuren miteinander zu verbinden. Die chaotische Masse an Charakteren scheint nicht zuletzt dem Zweck zu dienen, möglichst oft einen aufwühlenden Todesfall einstreuen zu können – als Horror-Ersatz. Die überambitionierte und dadurch teils plump konstruierte Staffel 4 schlägt Staffel 3 nicht, geschweige denn 2 und 1.

Jessica Lange hat die Serie nach vier Staffeln verlassen. Eine weitere Variation ihrer Paraderolle wäre wohl auch – so brillant sie als Schauspielerin ist – langweilig geworden. In „American Horror Story: Hotel“, spielt dafür Lady Gaga eine tragende Rolle. Eine sechste Staffel ist bereits angekündigt.

„American Horror Story“ ist im Grunde genommen die Serie, die sich manch einer bei „Supernatural“ erhofft hatte. Neben „The Walking Dead“ eine große, international vermarktete Show, die nicht bloß Horrormotive für weichgespülte Jugendunterhaltung benutzt, sondern sich traut, tatsächlich Horror zu sein, womit sie in jüngster Zeit zahlreiche Nachahmer inspirierte. Eine Wohltat für Fans von klassischem Gruselkino in modernem Gewand und deftigen Gewaltspitzen. Wenn der Gruselfaktor im fortgeschrittenen Serienverlauf schwindet, bleiben immerhin noch die innovative Inszenierung sowie grandios zusammengestellte Schauspielensembles zu bewundern.

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