Victoria

Filmposter Victoria

7.5/10

Originaltitel: Victoria
DE | 2015 | 140 Min. | FSK: ab 12
Drama
Regie: Sebastian Schipper
Drehbuch: S. Schipper, Olivia Neergaard-Holm, Eike Schulz
Besetzung: Laia Costa, Frederik Lau, Franz Rogowski u.a.
Kinostart: 11.06.15
DVD/Blu-Ray VÖ: 20.11.15

Links zum Film:
IMDb | Wikipedia | film zeit
Bilder © Wild Bunch Germany

Worum geht’s?

Berlin. Als die junge Spanierin Victoria nach einer durchtanzten Nacht gerade den Club verlässt, kommt sie mit vier feierlaunigen Männern ins Gespräch: Sonne, Boxer, Blinker und Fuß. In gebrochenem Englisch lässt sich Victoria dazu überreden, mit der Clique um die Häuser zu ziehen. Niemand will ihr etwas Böses, doch ungeplant wird Victoria in einen gefährlichen Gefallen verwickelt, den die Männer noch jemandem schulden.

Wie ist der Film?

2013: „Gravity“, 2014: „Boyhood“, 2015: „Victoria“. Diesmal kommt er sogar aus Deutschland, der jährliche „Das gab’s noch nie“-Film, der eine bahnbrechende Erzähltechnik verfolgt. Eine einzige, 140minütige Sequenz, ohne Schnitte, ohne Tricks, wohl aber mit einer dramaturgisch ausgefeilten Geschichte. Als Einwand lässt sich der Kostümfilm „Russian Ark“ von 2002 nennen, der tatsächlich auch aus nur einem Take besteht und keine ‚unsichtbaren‘ Schnitte verwendet, wie „Cocktail für eine Leiche“ oder „Birdman“. Doch „Russian Ark“ läuft deutlich kürzer, verzichtete auf simultane Tonaufnahme, spielt fast nur in Innenräumen und bricht den unmittelbaren Draht zum Publikum durch einen Off-Erzähler. Nur „Victoria“ gelingt das definitive Echtzeit- und Mittendrin-Gefühl. Der Plot ist simpel, aber äußerst effektiv und erfrischend umgesetzt.

Szenenbild VictoriaManche Definitionen des Begriffs ‚Film‘ nennen Schnitte als unbedingten Bestandteil, doch allerspätestens „Victoria“ beweist das Gegenteil. Ein sauberer Spannungsbogen mit Stimmungswechseln und Charakterentwicklung gelingt hier auch so, nahezu ohne Längen, wohlgemerkt. Als kurze Verschnaufpause ist manchmal nur Musik zu hören, sodass die Perspektive in eine beobachtende wechselt, doch in der Regel tragen die Dialoge die Handlung voran. „Victoria“ versteht es, dauerhaft mitzureißen, weil die Geschichte sich unglaublich real anfühlt.

Keine perfekten Sätze, keine geschönte Romantik – dieser angetrunkene Spontan-Flirt mit einer Clubbekanntschaft kann zweifellos genau so jedes Wochenende in Berlin oder anderswo stattfinden. Beziehungsweise: Er findet statt. Im fortgeschrittenen Verlauf verwendet „Victoria“ Elemente, die man doch eher nur aus typischen Krimis kennt, konzentriert sich dabei aber auf Emotionen, die das Publikum zu jeder Zeit nachempfinden kann. Das Geheimnis dieser Unmittelbarkeit liegt im Weglassen konkreter, vorgegebener Dialogzeilen. Selbstverständlich folgt die Besetzung – wie auch die Crew – einer akribisch durchgeplanten Route, spricht dabei aber wunderbar natürlich. Nicht Arthaus-pseudo-natürlich, sondern natürlich-natürlich.

Hauptdarstellerin Laia Costa ist eine tolle Entdeckung. Vor allem mit dem herrlich lausbübischen Frederick Lau („Oh Boy“, „Sein letztes Rennen“) entwickelt sie eine knisternde Chemie und steuert eine Achterbahn der Gefühle. Zusammen mit Franz Rogowski, Burak Yiğit und Maximilian Mauff bildet Lau die perfekte Männerclique – die eigentliche Romanze des Films, wenn man so will. Zu erwähnen bleibt Andé Hennicke („Jerichow“) als kerniger Bilderbuchgangster. Große Anerkennung gebührt auch der rauen, aber konzentrierten Marathonleistung von Kameramann Sturla Brandth Grøvlen. Trotz immenser Dynamik bleibt er stets am Ball und leistet sich keine groben Schnitzer, die den Energiefluss der Handlung unterbrechen würden.

Regisseur und Co-Autor Sebastian Schipper eroberte mit seinem Debüt „Absolute Giganten“ massenhaft Herzen und wird nun mit „Victoria“ in Geschichtsbücher eingehen. Lässt man die technische Besonderheit der Plansequenz weg, bleibt nur ein kleiner Berlinfilm; ein schlichtes Krimi-Liebesdrama über jugendlichen Leichtsinn. Doch die kompromisslose Echtzeiterzählung sorgt für einen eigenartigen Kick, den das Kino im aktuellen Einheitsbrei bestens gebrauchen kann. Nicht zuletzt das extrem authentische Schauspielkonzept sorgt dafür, dass der Kick wirklich trifft.

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