Der Tatortreiniger

Der Tatortreiniger

8/10

Originaltitel: Der Tatortreiniger
DE | seit 2011 | ca. 26 Min. | FSK: 12
Komödie
Idee: Bjarne Mädel, Arne Feldhusen
Drehbuch: Mizzi Meyer
Besetzung: Bjarne Mädel u.a.
DVD/Blu-Ray VÖ: 05.06.19

Links zur Serie:
IMDb | Wikipedia
Bilder © Studio Hamburg

Worum geht’s?

Heiko ‚Schotty‘ Schottes Arbeit fängt da an, wo andere sich vor Entsetzen übergeben. Mit speziellen Chemikalien beseitigt er im Auftrag der Reinigungsfirma Lausen die Spuren von Toten. Die Leiche ist in der Regel schon abtransportiert, doch in Ruhe arbeiten kann der Fachmann selten. An den Tatorten treiben sich immer Hinterbliebene beziehungsweise Überraschungsgäste herum, mit denen Schotty kuriose Diskussionen beginnt.

Wie ist die Serie?

Szenenbild Der Tatortreiniger

Ab 2011 kämpfte das Erfolgsteam der Comedy-Serie „Stromberg“ um eine frische Idee namens „Der Tatortreiniger“, in der Hauptrolle Bjarne Mädel, ebenfalls aus „Stromberg“ bekannt. ‚Kämpfen‘, weil sich die Schleusen des Geldgebers NDR nur sehr launisch öffneten. Die Sendeplätze bei den Öffentlich Rechtlichen sind undankbar, doch zum Glück gibt es DVD/Blu-ray und Streaming. Trotz aller Schwierigkeiten erhielt „Der Tatortreiniger“ zweimal den Grimme-Preis in der Kategorie ‚Unterhaltung‘, diverse weitere Auszeichnungen und eine große Fangemeinde. Denn der Sympathie der Serie kann sich kaum jemand entziehen.

Bjarne Mädel hatte bereits 2009 in „Der kleine Mann“ seine erste Serien-Hauptrolle. Doch was der nach acht Folgen abgesetzten ProSieben-Produktion abging, ist der große Reiz an „Der Tatortreiniger“: das Makabre. Zwischen Blutlachen und Maden entfaltet sich ein wunderbar schwarzer Humor. „Der Tatortreiniger“ ist kein Krimi, sondern eine witzige Kammerspiel-Reihe, pure Dialogkunst in kuriosem Ambiente. Diese funktioniert vor allem, weil Schotty eine so liebenswerte Identifikationsfigur darstellt – ein norddeutscher Normalo, der redet, wie ihm der Schnabel gewachsen ist. Seine Gegenüber könnten unterschiedlicher nicht sein, und die raffiniert ausgearbeiteten Wortgefechte bergen reichlich Situationskomik.

Nach einem sehr bodenständigen Einstieg werden die Erlebnisse des Tatortreinigers tendenziell immer ausgefallener, doch das minimalistische Konzept bleibt sich stets treu. Je authentischer Schottys Gegenüber, desto stärker sind die Folgen in der Regel. Zu den Highlights gehören dementsprechend die Begegnungen mit einer Prostituierten ( „Ganz normale Jobs“) und mit der übergewichtigen Klientin eines Therapeuten („Geschmackssache“). Eine gesunde Charakter-Überzeichnung („Spuren“, „Nicht über mein Sofa“) schadet dem Genre auch nicht. Nur leidet die Atmosphäre, wenn die Figuren in Staffel 2 dann ins Karikierte driften („Die Challenge“, „Auftrag aus dem Jenseits“).

Szenenbild Der Tatortreiniger Staffel 3

Zu Beginn der dritten Staffel (2014, Folge 10–13) eröffnet sich ein wahres Fettnäpfen-Paradies, wenn Schotty auf eine attraktive Veganerin trifft, die obendrein im Rollstuhl sitzt – eine seiner spannendsten Herausforderungen. Qualitativ erreicht wird der Auftakt höchstens von der Folge „Schweine“, in der man endlich mehr über das Liebesleben des Tatortreinigers erfährt. „Ja, ich will“ (Schotty wird für eine Scheinehe angeworben) erzählt ein heiteres Hin und Her mit kleinen Längen. „Carpe Diem“ (Schotty gefangen im Labyrinth einer Behörde) gewinnt durch allgemeine Philosophien über das Leben und Sterben, verliert aber durch zu überzogenen, surrealen Humor. Die schönsten Momente der Serie sind doch die mit dem erdigen Charme des vermeintlich Alltäglichen.

Staffel 4 (2015, Folge 14–18) verleiht der klassischen Gesprächssituation mit der redseligen alten Dame eine ungeahnte Tiefe („Wattolümpiade“), sorgt bei der Arbeit mit einem putzsüchtigen Kunden für reichlich Ironie („Der Putzer“) und kann in einer verwunschenen Villa, wo man nur in Reimen sprechen darf auch ganz schön abgedreht und anstrengend werden („Der Fluch“). „Damit muss man rechnen“ sorgt mit einem Elektromarkt als Schauplatz zumindest für visuelle Abwechslung. „Tauschgeschäfte“ erweist sich dank der Cleverness einer Kneipenbesitzerin als leiser Höhepunkt der Staffel. Festzuhalten bleibt: Die Serie hält ihr hohes Niveau auch im vierten Block konstant, experimentiert mit Fantasy-Elementen, landet aber immer wieder bei Szenarien, die von einer hinreißenden Natürlichkeit leben.

Zum Jahreswechsel 2015/2016 hält der Spurenverwischer auch Staffel 5 (Folge 19 – 24) sauber. In „Bestattungsvorsorge“ dürfen sich zwei liebgewonnenen Nebenfiguren – die Sargträger – am Tatort Waldhütte einmal ausführlicher vorstellen. Eine wunderbar ulkige Prämisse, inklusive Mörder, nur wirkt es im Staffelauftakt noch etwas bemüht, wie sich Schotty und das eingespielte Bestatter-Team die Bälle zuspielen. Zurück zu den Serien-Wurzeln kehrt „Das freie Wochenende“ mit einem schlichten wie intensiven Mann-Frau-Gespräch über Burnout-Erscheinungen. Genial: In „Pfirsichmelba“ sorgt Drehbuchautorin Mizzi Meyer mit dem geistig zurückgebliebenen Stammkunden einer Eisdiele für Nervenkitzel und entlockt unserem Putzer zudem selten sensible Züge.

Ähnlich stark legt „Anbieterwechsel“ nach, denn Grundsatzdebatten in einer Agentur für religiöse Bedürfnisse spannen einen eleganten Bogen zu Schottys folgenübergreifendem Liebesdrama mit seiner Traumfrau Merle. Masse statt Klasse lässt sich „Freunde“ vorwerfen. Schotty trifft gleich mehrere Mitglieder seiner alten Clique (eines gespielt von Olli Schultz) und sorgt für ein köstliches Wirrwarr, nur lässt die Folge im Vergleich etwas Tiefe vermissen. „E.M.M.A.“ bewegt sich zu guter Letzt auf gefährlich irrealem Terrain, doch die Umsetzung der titelgebenden Roboter-Frau ist erstaunlich gelungen. Weil E.M.M.A. (noch) nicht die Klügste ist, erfährt man umso mehr über Heiko. Unterm Strich beruft sich die fünfte Staffel auf alte Stärken und ist damit eine der besten.

Staffel 6 (2016, Folge 25–27) ist mir nur drei Folgen die kürzeste und wohl auch unscheinbarste, denn sie bleibt ohne Schnickschnack und Hokuspokus bei der klassischen Zweierkonstellation. „Sind Sie sicher?“ lebt von der grandios übertriebenen Darbietung des Hauptdarstellers Sebastian Blomberg („Zeit der Kannibalen“) als Chef einer Consultingfirma. In „Özgür“ überzeugt Sandra Hüller („Toni Erdmann“) dagegen mit authentischem Selbstbewusstsein. Die dritte Folge „Schluss mit lustig“ beweist, dass Schotty nicht immer nur Tod und Gewaltverbrechen, sondern auch mal nur den Dreck nach einer wilden Party braucht, um zu funktionieren.

Szenenbild Der TatortreinigerNach einem Jahr Pause erschienen 2018 in Staffel 7 die letzten vier Episoden. Autorin Mizzi Meyer, der unverzichtbare Kopf hinter Schottys Abenteuern, zog den Schlussstrich. – Eine traurige, aber nachvollziehbare und kluge Entscheidung. Denn viel länger hätte sich das Konzept sicher nicht mehr auf demselben Qualitätslevel variieren lassen. „Currywurst“ zeigt einen köstlich temporeichen Clash von Arbeiter und Bourgeoisie. „Rebellen“ sorgt für eine Rückkehr von Schottys lustiger Clique, irgendwo zwischen absurd und genial, doof und tiefgründig. „Der Kopf“ verstrickt sich dann in einem kruden Fantasy-Szenario und vermittelt den Eindruck, der Serie gehen die Ideen aus.

Wie gerufen folgt die finale Episode, die „Einunddreißig“. Sie kommt mit Metaebene und ist vor allem ein wehmütiges Geschenk der Autorin an sich selbst und die treuen Fans – kafkaesk, mutig und bewegend. Auch, wenn es wehtun mag, es ist immer schöner, wenn sich eine Serie endgültig verabschiedet, statt irgendwann einfach nicht mehr verlängert zu werden.

Schotty ist Kult. Auch Bjarne Mädels Spielpartner und -partnerinnen überzeugen durch die Bank. An Mädels Seite eine Hauptrolle zu ergattern, musste irgendwann einem Ritterschlag gleichen. „Der Tatortreiniger“ – inzwischen sogar nach Frankreich und in die USA verkauft – ist so einfach wie genial, voller köstlicher Dialoge und schöner Details, von der sich immer wieder neuerfindenden Musik über experimentelle Kameraeinstellungen bis zur Animation des Vor- und Abspanns. Ein wahrer Glanzpunkt in der tristen deutschen Serienlandschaft. Jede Folge ist eine abgeschlossene Geschichte, aber um die Hauptfigur richtig kennenzulernen, empfiehlt sich das volle Programm.

Die komplette Serie ist (Stand 2020) im Netflix-, Prime- und Sky-Abo enthalten.

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2 Kommentare

  1. Ja, fürwahr eine der deutschen Serienhighlights, von denen es leider immer noch zu wenige gibt. Die verantwortlichen Intendanten sollten viel öfter mehr Risiko zeigen und Formaten abseits der Nullachtfünfzehn-Krimis und Heile Welt-Familienunterhaltung Platz einräumen.

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